Rundgang: In der Südstadt

Die Kölner Südstadt ist eines der beliebtesten Stadtviertel, das nichts abends als das Vergnügungsviertel schlechthin gilt, sondern auch tagsüber viel frequentiert wird. Herzstück ist das „Vringsveedel“, so benannt nach dem dem dritten Bischof der Stadt: Severin. Es zieht sich der Severinstraße entlang, die schon in der römischen Zeit die wichtigste Ausfallstraße nach Süden war. Damals waren hier vor allem Gräberfelder, die außerhalb der römischen Stadtmauer angelegt werden mußte. Von hier stammt u.a. das Poclicius-Grabmal, das heute im Römisch-Germanischen-Museum zu bewundern ist. Während des Mittelalters siedelten sich längs der Straße viele Klöster und Kirchen an, so daß sie im Volksmund auch „Pfaffengasse“ genannt wurde. Hinzu kamen mit zunehmendem Pilgerstrom auch Handwerker und Gastwirte, so daß ein blühendes, lebhaftes Viertel entstand. In der französischen Besatzungszeit kommt es zu grundlegenden Veränderungen: Die Klöster werden säkularisiert, hier ziehen Fabriken und Manufakturen ein. Die zwischen den alten Kirchen und Klosterbauten befindlichen Länderein werden aufgrund des rasanten Bevölkerungswachtums zugebaut, weitere Gewerbebetriebe werden angesiedelt. Aus dem Vringsveedel wird ein Arbeiter- und Kleinbürgerviertel. Beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg wird ein großer Teil der gründerzeitlichen Bausubstanz erhalten. Doch mit den städtebaulichen und Sanierungsmaßnahmen in den 50er, vor allem aber in den 70er und 80er Jahren wird das ganze Viertel total „umgekrempelt“: Sanierte Altbauten werden zu teuren Spekulationsobjekten, eine völlig neue Klientel zieht ins Quartier. Heute hat sich das ganze Viertel ein wenig beruhigt und eine lebhafte und liebenswerte neue Mischung ist entstanden: Yuppie, Öko, kölsche Kraat (deftige Urkölner), Ausländer und Studenten sorgen für eine farbenfrohe „Multikulti“-Atmosphäre, die allabendlich viele Kölner aus anderen Vierteln anzieht.

Der Spaziergang beginnt am nördlichen Ende der Severinstraße bei der romanischen Kirche St. Georg (1), der einzig erhaltenen romanischen Säulenbaisilika des Rheinlandes, die 1059 von Erzbischof Anno II. gegründet wurde. Besoners mächtig ist der über einhundert Jahre später entstandene Westbau mit seinen 4 Meter dicken Mauern, der ursprünglich einen höheren Turm tragen sollte. Das Innere ist in relativ dämmriges Halbdunkel gehüllt, das die farbigen Fenster von Jan Thorn-Prikker umso besser zum leuchten bringt. Sehenswert sind vor allem der romanische Taufstein und das gotische Gabelkreuz. Unter dem erhöhten Chorraum verbirgt sich eine fünfschiffige Krypta.

Nach Überquerung der Severinsbrücke kann man rechts auf demKarl Berbuer-Platz (2) den gleichnamigen Brunnen zu Ehren des Schöpfers beliebter Karnevalslieder bewundern, gegenüber auf der anderen Seite der Severinstraße den Arnold-von-Siegen-Brunnen, der mit den übereinandergestaffelten Weberschiffchen an das Familienwappen des reichen Tuchhändlers erinnert. Er stiftete Anfang des 13. Jahrhunderts auch die Zunftkirche der Weber,St. Johann Baptist (3), von deren romanischem Ursprungsbau allerdings nur vier Mittelschiffjoche mit gotischen Gewölben bis heute erhalten blieben. Gleich daneben liegt die Elendskirche St. Gregor (4), die errichtet worden war für die „e-lenden“, d.h. die „ali-lenti“, die aus einem anderen Land kommen, genauer: alle jene Fremden, Andersgläubigen oder auch Hingerichteten, denen ein Grab in geweihter Erde verwehrt wurde. Eine aus Brabant geflüchtete Familie de Groote stiftete im 18. Jahrhundert den barocken Neubau der Kirche, die bis heute als einzige Kölner Kirche in privater Hand ist.

Weiter die Severinsstraße hinunter kommt man zum Herzstück des Vringsveedels, der Kirche St. Severin (5). Als erste christliche Kirche Kölns entstand hier der Ursprungsbau bereits im 4. Jahrhundert. Archäologiefans finden unter St. Severin ein wahres Paradies verschiedener Ausgrabungsschichten von altrömisch bis spätmittelalterlich. Hier läßt sich Stadtgeschichte im wahrsten Sinne in Steinen lesen. Auch Severin, der dritte, den Kölner Bischof und Gründer der ersten Kirche ruht hier in einem der Sarkophage – allerdings nur ein Teil seiner Gebeine, der Rest wurde in seine französische Heimatstadt Bordeaux gebracht. Dort wollte man auch an den Wundern teilhaben, die seinen Überresten zugeschrieben wurden. Im 13. und 15. Jahrhundert wurden an dem romanischen Bau früh- und spätgotische Umbaumaßnahmen vorgenommen.

Ein paar Schritte weiter, auf der anderen Seite der Severinstraße, steht das barockeHaus Balchem (6) von 1676 – ein typisches Kölner Wohnhaus dieser Zeit. Als einzigartiges Statussymbol darf der schmuckvolle Erker gelten, mit dem Heinrich Deutz, der reiche Bierbrauer und Ratsherr seinen Status deutlich machte.
Vor dem Chlodwigplatz endet die südliche Ausfallstraße am Severinstor (7), das um 1200 errichtet wurde. Auch hier – wie bei allen anderen Torburgen – steht vor allem die karnevalistische Nutzung im Vordergrund: An Weiberfastnacht wird hier vom Reiterkorps Jan von Werth die „Geschichte von Jan und Griet“ nachgespielt, vom hochdekorierten Reitergeneral, der beim Einzug in seine Heimatstadt in der Menge die Griet erblickt, die ihn damals als einfachen „kölschen Jung“ verschmäht hat und der er sich jetzt wegen der Standesunterschiede nicht mehr zuwenden kann. Übers Jahr kann die Torburg für private Feiern gemietet werden.

Über den Severinswall geht es zur romantischen, von Efeu umranktenBottmühle (8), die 1552 auf einer Wallplattform der Stadtbefestigung, einem Bott, entstand. Auf dem Gelände der ehemaligen Schokoladenfabrik Stollwerck entstand in den 70er Jahren eine neue Wohnsiedlung; von den alten Gebäuden blieb nur derAnnoriegel (9) in der Karl-Korn-Straße erhalten. DasBürgerhaus Stollwerck (10) mit Café und Veranstaltungsräumen fand im früheren preussischen Militärdepot ein neues Zuhause. Am Bayenturm passiert man am Rheinufer das alteHafenamt (11) mit seiner neoromanischen Backsteinfassade, das über die vielen Yachten in Kölns „Vergnügungshafen“ im Rheinauhafen wacht.

Etwas weiter südlich erhebt sich der Bayenturm (12) von 1220, in dem heute das Feministische Archiv und Dokumentationszentrum untergebracht ist. Weiter am Agrippinaufer hinunter ragt das„Siebengebirge“ (13) in den Himmel, die Hafenspeicher vom Anfang des 20. Jahrhunderts, die nun bereits seit Jahren einer neuerlichen, sinnvollen Nutzung entgegensehen.

Ein kleiner Abstecher zum Ubierring lohnt sich für einen Besuch im Rautenstrauch-Joest-Museum (14) für Völkerkunde, in dem sich die Kunst und Kultur außereuropäischer Völker bewundern und studieren läßt. Durch Trajan- und Claudiusstraße kommt man zu einem Schloßähnlichen Gebäude, derAlten Universität (15), die seit 1919 hier untergebracht war, bis Professoren und Studenten in die Neubauten in Lindenthal umzogen und sich hier in der Südstadt die Gauleitung der NSDAP breitmachte. Heute gehört der schön restaurierte Bau zur Fachhochschule.

Am Ende der Claudiusstraße bietet sich noch einmal ein Spaziergang im Grünen an, durch den Römer- und angrenzendenFriedenspark (16). Hier wurde das ehemalige Fort I der preußischen Befestigung 1926 zu einem Kriegerdenkmal mit Bronzeadler umgestaltet. Und zum Abschluß: Noch ein Stückchen weiter gen Süden die Alteburger Straße hinunter gelangt man zuKüppers Brauhaus (17) mit Biergarten und Biermuseum, wo es dann ein wohlverdientes Kölsch gibt.

Rundwege nach Arens / Bongartz / Henseler, DuMont RTB Köln


St. Georg Karl Berbuer-Platz St. Johann Baptist Elendskirche St. Gregor St. Severin Haus Balchem Severinstor Bottmühle Annoriegel Bürgerhaus Stollwerck Hafenamt Bayenturm Siebengebirge Rautenstrauch-Joest-Museum Alten Universität Friedenspark Küppers Brauhaus

Lageplan