Rundgang: Belgisches Viertel und Kwartier Latäng

Im 19. Jahrhundert hatte sich die Kölner Bevölkerung ca. verdreifacht. Hatte die mittelaltelriche Stadtbefestigung mit ihren 12 Toren und 24 Pforten in den vorangegangenen Jahrhunderten Schutz nach außen bedeutet, so wurde sie nun zu einer unbequemen Fessel. So entschied man sich 1881, die Mauern zu schleifen; an ihrer Stelle legte man einen großzügigen und prächtigen Ringboulevard an. Außerhalb desselben bot sich nun genug freies Land für die Entstehung einer Neustadt. Hermann Josef Stübben kreierte die Pläne für diese Neustadt und die Ringe. Eine Gedenktafel für ihn findet sich an der Hahnentorburg (1), dem zuletzt errichteten Doppelturmtor der Stadtbefestigung von ca. 1240, der seinen Namen von den Grundstücksbesitzer Hagano ableitet. Das Hahnentor war das wichtigste Tor nach Westen und wurde auch „Kaisertor“ genannt, denn hier zogen die deutschen Kaiser und Könige nach ihrer Inthronisierung in Aachen ein, wenn sie nach Köln zu den Heiligen Drei Königen pilgerten. 1794 übergab hier der Bürgermeister der Stadt Köln kampflos die Schlüssel an den befehlenden Offizier der französischen Besatzungstruppen. Heute hat die Ehrengarde ihr Domizil in dem imposanten Bau; sie pflegt das Kölner Dreigestirn im Rosenmontagszug und bei Auftritten zu begleiten.

Die Aachener Straße war schon in römischer Zeit die wichtigste Ausfallstraße nach Westen und Verbindung nach Aachen. Gleich am Anfang, im Haus Nr. 5, befindet sich das traditionsreicheVolkstheater Millowitsch (2), das nun bereits mit über 150jähriger Familientradition das Publikum mit kölschen Volksstücken und Schwänken zum Lachen bringt. Nördlich der Aachener Straße befindet sich das nach den Straßennamen so benannte „Belgische Viertel“, eine ausgesprochen lebendige Vergnügungsecke mit vielen Kneipen, Restaurants und Szene-Treffs, aber auch Galerien und ausgefallenen Geschäften. Zentrum des Quartiers ist am Brüsseler Platz die neoromanische KircheSt. Michael (3), in der auch häufig Konzerte und Veranstaltungen stattfinden.

Zurück zur Aachener Straße und diese weiter stadtauswärts, gelangt man zum Aachener Weiher, an dessen westlichem Ufer das Museum für Ostasiatische Kunst (4)Museum für Ostasiatische Kunst liegt. Der strenge und doch leichte Bau paßt sich wunderbar der Grünanlage an und bezieht den Weiher in seine Architektur mit ein: Im Foyer des Museums ist eine Cafeteria, deren Sonnenterrasse auf den Weiher hinausführt. Im Innern befindet sich ein Zen-Garten. Alles in allem ein Ensemble, das Ruhe, Konzentration und zugleich Entspannung zuläßt. Auf der anderen Seite des Weihers ist dagegen lautere Fröhlichkeit angesagt im Biergarten, der an Sommerabenden viele Besucher anlockt.

Wer den Spaziergang im Grünen ausdehnen möchte, sollte vom Aachener Weiher aus am Lindenthaler Kanal (Danteweg, Rautenstrauchstraße) entlang zumFriedhof Melaten (5)schlendern. Auf dem heutigen Friedhofsgelände lag im Mittelalter die Leprosenanstalt „zu den Maladen“, wo die Aussätzigen der Stadt Unterschlupf fanden. Doch diente das Gelände auch zu Hinrichtungen. Nach der Besetzung durch die Franzosen, drängten diese auf einen Zentralfiedhof. Ein Spaziergang über den Gottesacker macht gleichermaßen Kunst- und Stadtgeschichte lebendig: Neben bedeutenden Kölner Familien haben auch viele illustre Männer und Frauen hier ihre letzte Ruhestätte gefunden. Zurück zum Lindenthaler Kanal lohnt noch ein Blick auf dieKirche Christi Auferstehung (6), die am westlichen Ende des Kanals von dem architekten Gottfried Böhm Ende der 60er Jahre in Sichtbeton und Klinker errichtet wurde. Sie gehört zu den eindruckvollen Beispielen moderner Kölner Kirchen.

Vom Aachener Weiher aus weiter durch die Grünanlage nach Süden kommt man ins Universitätsviertel. Nach einem der frühesten und wichtigsten Lehrer in Köln wurde der GelehrtentempelAlbertus Magnus-Universität (7) genannt. Das Wirken des berühmten Kirchenlehrers (um 1200 - 1280) in Köln dürfte maßgeblich zur Gründung der Universität 1388 beigetragen haben. In der Franzosenzeit wurde die Uni geschlossen, 1919 durch Adenauer neu gegründet und hat sich bis heute zur größten Universität Deutschlands entwickelt. Zentrum ist der Campus mit dem Albertus Magnus-Platz, um den sich das Hauptgebäude von 1929 im Stil der neuen Sachlichkeit sowie Philosophikum, Hörsaalgebäude und Bibliothek aus den 60er/70er Jahren gruppieren.

Im Dreieck zwischen Südbahnhof, Zülpicher und Barbarossa Platz haben denn auch die 60.000 Studenten das Sagen, die in Köln studieren. Hier ist das Erholungszentrum mit Kneipen, Discos, Theatern, Clubs und Weinstuben. In Anlehnung an das Pariser Quartier Latin wird diese Ecke in Köln, in der es jeden Abend sehr lebhaft zugeht, Kwartier Latäng genannt. Und wiederum ist es eine Kirche, die das Zentrum bildet, nämlich dieHerz-Jesu-Kirche (8) am Zülpicher Platz. Das neogotische Gotteshaus entstand um 1900 und ist dem Dom nachempfunden. Nach den Kriegsschäden wurde das Langhaus allerdings in moderner Form aufgebaut; nur der schlanke, 84 m hohe Turm erinnert noch an die einstige „Verwandtschaft“.

Durch die Roonstraße gelangt man nun zum Rathenau-Platz, einer kleinen grünen und ruhigen Oase im Trubel dieses Viertels, gesäumt von sorgfältig restaurierten Gründerzeithäusern. Auf der anderen Straßenseite befindet sich die KölnerSynagoge (9). Köln hatte im Mittelalter eine eigene jüdische Gemeinde, die jedoch 1424 endgültig aus der Stadt vertrieben wurde. Erst unter der französischen Besatzung durften sich ab 1794 wieder Juden hier ansiedeln. Im Laufe der Zeit entstanden 7 Gebetshäudser, die jedoch alle der Zerstörung in der „Reichskristallnacht“ zum opfer fielen. Nach dem Krieg wurde nur die große Synagoge in der Roonstraße wieder aufgebaut und ist seither das Zentrum einer lebendigen jüdischen Gemeinde.

Folgt man weiter der Roonstraße, gelangt man zum interessanten architektonischen Projekt derAuferstehungskirche (10). Das Gotteshaus wurde im Krieg bis auf den Turm zerstört. Nun wurde das Gebäude transparent in Glas entsprechend den alten Dimensionen nachgebaut; ein rot lackiertes Stahlgerüst folgt exakt den ursprünglichen Maßen. Hinter der gläsernen Fassade verbergen sich moderne Büroräume.
Über Jülicher-, Händel- und Richard Wagner-Str. gelangt man wieder zu den Ringen, Kölns Flaniermeile, wo zu jeder Tages- und Nachtzeit das „wilde Leben tobt“, Vergnügungssüchtige eine Disco, einen Club oder ein Kino und Hungrige ein Restaurant oder eine Kneipe finden.


Rundwege nach Arens / Bongartz / Henseler, DuMont RTB Köln


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