Rundgang: Entlang der nördlichen Römermauer

Die hochliegende Uferstraße war schon in römischer Zeit die vermutlich erste befestigte Straße der Stadt und führte als Nord-Süd-Achse quer durch das Römerlager, Köln mit Xanten verbindend. Erst die Franzosen gaben der inzwischen belebten Geschäftsstraße den Namen Rue Haute, Hohe Straße. Auch heute noch liegt hier das Herz der Shoppingstadt Köln. Im 19. Jahrhundert mußten die mittelalterlichen Patrizierhäuser leider den größeren Geschäftsbauten und modernen Ladenpassagen weichen. Belle Epoche und erster kapitalistischer Konsumrausch machten die Hohe Straße mit ihren vornehmen Cafes und eleganten Läden zum Mittelpunkt gesellschaftlichen Lebens. Nach dem Kriege blieb von dieser alten Herrlichkeit leider nichts erhalten: zwar wurde dieHohe Straße (1) die erste Fußgängerzone Deutschlands, doch die Mieten bewegen sich in derart exorbitanten Höhen, daß überwiegend nur internationale Ladenketten und Schnellrestaurants wirtschaftlich überleben können.

Zwei spätwilhelminische Geschäftshäuser haben jedoch übelebt: An der Ecke zur Schildergasse findet sich pächtig restauriert – das ehemalige Kaufhaus Tietz, heuteGaleria Kaufhof (2)sowie das Palatium (heute Hansen). Errichtet wurde das Ensemble 1912-1914 von dem Architekten Wilhelm Kreis. Davor steht, wie ein überlanges Kölschglas, der Bierbrunnen, der daran erinnert, daß die Bierbrauer im Mittelalter ihr Zunfthaus in der Schildergasse hatten, in dem sogar Kaiser Maximilian 1505 versackt sein soll. Ihren Namen hat dieSchildergasse (3) jedoch von den mittelalterlichen Wappenschildmalern, die hier ebenfalls ihr Zunfthaus hatten. Schon zur römischen Zeit war die Straße nicht nur eine wichtige Ost-West-Verbindung sondern auch Zentrum städtischen Lebens – genau wie heute.

Eine Oase der Ruhe mitten im bunten Treiben ist dieAntoniterkirche (4). Seit Ende des 13. Jahrhunderts widmeten die Ordensbrüder sich in Köln der Krankenpflege und Mitte des 14. Jahrhunderts errichteten sie die kleine, dreischiffige, gotische Gewölbebasilika. 1802 wurde die Kirche der damals neu zugelassenen evangelischen Gemeinde als Gotteshaus übergeben. Besonders sehenswert ist der „Schwebende Engel“ von Ernst Barlach, der mit den Gesichtszügen von Käthe Kollwitz an die Toten der beiden Weltkriege gedenkt.

Im Westen trifft die Schildergasse auf den Neumarkt, den „novus mercatus“, wie er erstmals 1076 in einer Urkunde genannt wird. 27.000 Quadratmeter erstrecken sich hier über ehemals römischem Wohngebiet – ein bisher noch nicht gehobener archäologischer Schatz. Im Mittelalter wurden hier Viehmärkte und später Schützenfeste abgehalten. Die Franzosen pflanzten einen „Freiheitsbaum“ in die Platzmitte und nutzten das Gelände für Paraden und zum Exerzieren, worüber die Kölner sich nur amüsieren konnten und den militärischen Drill seit damals im Karneval parodieren. Heute steht der Platz vor allem für Märkte und Veranstaltungen aller Art zur Verfügung: Weihnachts- und Trödelmarkt, Bücherherbst, Weinfest, Beach-Volleyball und natürlich für das zentrale Festzelt beim Köln Marathon.

Der Neumarkt ist das Zentrum der umliegenden Geschäfts- und Einkaufsstraßen. Doch zuvor sei noch ein kleiner Abstecher zum Josef-Haubrich-Hof erlaubt, der südöstlich des Neumarktes hinter dem Turm eines Ärztehauses verborgen liegt: Seinen Namen bekam der Platz zu Ehren des Kölner Kunstsammlers Haubrich, dessen Sammlungen den Grundstein für die Abteilung Klassische Moderne im Museum Ludwig legten. Rund dieses kleine Kulturzentrum liegen der Kölnische Kunstverein, die Kunsthalle, Zentralbibliothek und Volkshochschule (5). DieKunsthalle (6) wird jedoch in Kürze einem neuen großen Musuemskomplex weichen müssen, der in den nächsten Jahren entstehen soll: Hier wird nicht nur mehr Raum für Wechselausstellungen zur Verfügung stehen; auch das Rautenstrauch-Joest-Museum, das derzeit noch am Ubierring residiert, wird hier in größere Räume umziehen können, ebenso wie das VHS-Forum für Veranstaltungen. Ein Verbindungstrakt soll dann auch direkt zu St. Cäcilien/Museum Schnütgen (7)führen. 1956 wurde die Pfeilerbasilika St. Cäcilien wieder errichtet, die im 12. Jahrhundert für ein Damenstift errichtet worden war. Schnütgens Sammlung sakraler Kunst fand hier einen würdiges Ambiente. Gleich nebenan befindet sich eine der ältesten Pfarrkirchen Kölns,St. Peter (8). Beide Kirchen gemeinsam bilden in Köln das einzig erhaltene Ensemble von Stifts- und Pfarrkirche, wie sie in der Frühen Neuzeit üblich waren, damit Klosterangehörige und Gemeindemitglieder getrennt Gottesdienst feiern konnten. St. Peter ist als spätgotische Emporenbasilika 1515 bis 1530 entstanden. Ihr kostbarster Schatz ist das Altarbild „Kreuzigung Petri“ von Peter Paul Rubens, der seine ersten Lebensjahre in der nahegelegenen Sternengasse verbracht hatte. Heute ist St. Peter vor allem als „Kunststation“ bekannt, die durch sehr avantgardistische Ausstellungen und Performances im kirchlichen Bereich von sich reden macht.

Über die Leonhard Tietz-Straße geht es zurück zum Joseph Haubrich-Hof. Tietz gründete als sehr erfolgreicher jüdischer Geschäftsmann das Kaufhaus an der Ecke Hohe Straße; von den Nazis wurde das Unternehmen und später in die Kaufhof AG überführt. Ebenfalls enteignet wurde der jüdische Textilgroßhändler Bing, dessen Warenhaus sich in einem Gebäude von 1908 an der Südseite des Neumarktes befand und insGesundheitsamt (9) ungewandelt wurde. Hinter der schönen Fassade wurden dann menschenverachtende Themen wie &Mac226;Erbgesundheit’ und &Mac226;Rassenhygiene’ betrieben.

Gegenüber, auf der Nordseite des Neumarktes und Ecke Zeppelinstraße ist das schöneSchwerthof-Haus (10) aus den 20er Jahren auch heute noch ein Büro- und Geschäftshaus. Den Namen bekam es von der Funktion eines mittelalterlichen Hauses an gleicher Stelle, das hier um 1200 als Rüstkammer für Adlige diente. Die Zeppelinstraße hinein kommt man zumOlivandenhof (11), einer Einkaufsgalerie, dessen denkmalgeschütze Fassade in Verbindung mit der Glasüberdachung des ganzen Straßenabschnitts dem Komplex 1989 die Auszeichnung als Europas Einkaufscenter des Jahres einbrachte. Schräg gegenüber liegt die dreigeschossigeNeumarkt-Galerie (12) mit exklusiven Geschäften, der riesigen Mayerschen Buchhandlung und einem Forum mit Bistros und Cafes unter der zentralen großen Glaskuppel. Integriert in den Komplex wurde derRichmodis-Turm (12) mit seinen beiden Pferdeköpfen. Er erinnert an eine alte kölsche Legende: Richmodis von Aducht war an der Pest gestorben und mit ihrem Schmuck bestattet worden. Als Grabräuber die Ruhe der Toten stören wollten, erwachte die Scheintote wieder und trieb die Bösewichte in die Flucht. Als nun der Ehemann hörte, seine Gattin lebe noch, wollte er es nicht glauben und meinte, eher würden seine Pferde die Treppe heraufkommen als seine Frau – und die beiden Pferde erstiegen umgehend die Turmtreppe...

Und gleich über die Richmodstraße hinüber befindet man sich in der postmodernenNeumarkt-Passage (13), in deren oberen Etagen das Käthe Kollwitz-Museum (13)der Kreissparkasse untergebracht ist, während darunter auch hier im Hause eine Buchhandlung, Thalia, auf mehreren Etagen jede Menge Lesenswertes anbietet.

Im Westen des Neumarktes ragt eindrucksvoll der Dreikonchenchor von St. Aposteln über den Platz, ein Meisterwerk rheinischer Romanik. In der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts wurde die Kirche direkt außerhalb der alten römischen Befestigungsmauer errichtet. Noch heute erkennt man in ca. 8 Metern Höhe an der Ostkonche einen ehemaligen Durchgang, das Pilgrimspförtchen, durch welches Erzbischof Pilgrim und die Kanoniker das Apostelstift betraten, wenn sie den „kurzen Weg“ über die Stadtbefestigung wählten, die erst im 18. Jahrhundert abgerissen wurde. Um 1170 begannen die Arbeiten an dem imposanten, hohen Westturm, mit dem man den über die Aachener Straße nach Köln Einreisenden bereits von weitem imponieren wollte. Doch 10 Jahre später wurde die hohe Stadtmauer errichtet und verstellte damit den Blick auf St. Aposteln. Als nun 1192 ein Brand einen Teil zerstört hatte, nahm man die Gelegenheit wahr, und errichtete mit der Dreikonchenanlage einen neuen Ostteil und wechselte einfach die Schauseite. Sehenswert sind in St. Aposteln (14)St. Aposteln vor allem auch die modernen, den alten Vorlagen nachempfundenen Ausmalungen. Regelmäßig finden in dieser Kirche auch Konzerte statt.

Auf der Nordseite steht auf einem kleinen Plätzchen, den Blick in die Apostelnstraße gerichtet, dasAdenauer-Denkmal (15). Der beliebte, aber nicht unumstrittene langjährige Bürgermeister Kölns und spätere Bundeskanzler hatte gleich um die Ecke, im Apostengymnasium, die Schulbank gedrückt.

Es geht nun weiter über Mittel-, Benesis-, Ehren- und Breitestraße durch die exquisiten Einkaufsmeilen der Domstadt. Bevor man in die Ehrenstraße einbiegt, lohnt sich ein Blick auf dasHaus Tosca (16) Ecke Pfeil- und Benesisstraße: eine gewagte Architekturplastik schmückt das Dach und scheint jeden Augenblick aus den Fugen zu geraten. Durch die lebhafte Breitestraße geht es wieder Richtung Osten. Auf der Höhe des Kaufhauses Karstadt steht derDuMont-Brunnen (17) von 1986, der die Geschichte des Verlagshauses lebendig werden läßt, das bis zu seinem Umzug in den Kölner Norden hier an dieser Stelle den Kölner Stadt-Anzeiger als meistgelesene Tageszeitung der Stadt produzierte. Heute befindet sich hier das neueDuMont-Carré (17), ein Komplex aus Geschäfts-, Büro- und Wohneinheiten.

Die Neven-DuMont-Straße führt in einem kurzen Abstecher zur barocken Kirche St. Maria in der Kupfergasse (18). Karmeliterinnen brachten Mitte des 18. Jahrunderts eine wundertätige „Schwarze Madonna“ aus den Niederlanden mit nach Köln und errichteten die kleine Loretokapelle, in der sie zur Verehrung aufgestellt wurde. Da die Verfolgung durch die Calvinisten in den Niederlanden nicht abriß, kamen immer weitere Pilgerströme nach Köln und es wurde schnell notwendig, die kleine Kapelle mit einer größeren Kirche zu erweitern. Die Saalkirche umschließt die kleinere Loretokirche.

1935 wurde dasEL-DE-Haus (19) Ecke Neven-DuMont-/Elisenstraße, vollendet, welches die Initialen des Bauherrn Leopold Dahmen trägt. Noch vor seiner Fertigstellung wurde Dahmen gezwungen, das Gebäude der Gestapo zu überlassen, die im Untergeschoß Folterräume und Gefängniszellen einrichtete und auf dem Hof ein Massengrab hinterließ. Bis zu 33 Personen waren in den 4 bis 9 qm großen Zellen eingepfercht. Das Untergeschoß ist heute Gedenkstätte, in den Etagen darüber ist das NS-Dokumentationszentrum mit einer Dauerausstellung zur Geschichte des Nationalsozialismus in Köln angesiedelt. Gegenüber befindet sich der Appellhofplatz, benannt nach dem Appellationsgerichtshof, der 1824 hier lag. Im folgte 1883 bis 1893 einGerichtsgebäude (20) im Stil niederländischer Renaissance.

Dominierend sind hier jedoch die Gebäude des WDR: DasVierscheibenhaus (21) (1962-70), dessen Baukörper elegant in vier vertikale Schmalriegel aufgeteilt ist, das Archivgebäude, welches sich massig über die Nord-Süd-Fahrt erhebt und seit 1996 die WDR-Arkaden (22)WDR-Arkaden des Architekten Gottfried Böhm, dessen Arbeiten für ihre Vielgliedrigkeit und Transparenz berühmt sind. Auf fünf Etagen finden Intendanz, Studios, Pressestelle, Bibliothek und selbst die Kantine Platz. Unterhalb sind Restaurants, eine Postfiliale und Geschäfte untergebracht sowie ein „gläsernes Studio“, in dem Zuschauer an den Schaufenstern sich gelegentlich abends mit im Bild z.B. der Sendung „Aktuelle Stunde“ wiederfinden.

Quer durch die „Kölner Ladenstadt“, gelangt man zur Glockengasse. Das erste überdachte Einkaufscenter Deutschlands von 1964 wurde 2001 einer gründlichen Renovierung unterzogen und hat nun den etwas altbackenen, aber gemütlichen Charme der 60er Jahre verloren.
In der Glockengasse gilt ein Besuch auf jeden Fall demHaus Nr. 4711 (23)- eine Hausnummer, die ein französischer Soldat beim Durchzählen 1796 an die Wand malte und die sich zu einem weltweit bekannten Warenzeichen entwickelte. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde gleich nebenan der neogotische Bau errichtet, der bis heute als Museum, Galerie und Souveniershop dient. Wer das berühmte Kölnisch Wasser von Wilhelm Mühlens schnuppern, seine Handgelenke benetzen und sich erfrischen möchte, muß sich nur dem 4711-Brunnen im Eingang des Shops zuwenden. Zur vollen Stunde kann man dann dem Glockenspiel an der Fassade lauschen, wo mechanische Figuren den historischen Moment vor Augen führen. Schnell befindet man sich am Offenbachplatz, direkt vor dem Opernhaus. Der für seine heiteren und beschwingten Melodien und Operetten bekannte Komponist war geborener Kölner, wuchs hier im Griechenviertel auf, siedelte jedoch bald nach Paris über. Bestimmt wird der Platz vom Ensemble Opern- und Schauspielhaus (24), das der Architekt Wilhelm Riphahn in den 50er Jahren errichtete. Das Schauspielhaus ein wenig nach hinten versetzt, das Opernhaus just an der Stelle, an der die 1938 zerstörte Synagoge gestanden hatte. Die auch im Innern sich fortsetzende schlichte Eleganz der Nachkriegsarchitektur war zunächst sehr unstritten, denn die Kölner hatten noch ihr altes, prunkvolles Opernhaus in Erinnerung.

Wenn man nun die Tunisstraße überquert, steht Ecke Herzog- und Brückenstraße dasDischhaus (25). 1928 bis 1930 errichtet, schiebt sich die Hausecke wie ein Schiffsbug in die Straßenkreuzung. Das Haus ist das bekannteste Kölner Beispiel des sachlichen 20er-Jahre-Stils. Direkt gegenüber entsteht ein Neubau für das Diözesanmuseum, der die Kirche St. Kolumba (26), ihre Ruinenreste und die römischen Grabungen komplett einschließen wird. St. Kolumba war einst die größte Pfarrkirche der Stadt, eine spätgotische fünfschiffige Emporenkirche (1460-1510). Im Krieg wurde sie völlig zerstört, erhalten blieb lediglich ein Pfeiler mit einer Madonnenstatue. Ihr zu Ehren errichtete Gottfried Böhm 1950 die achteckige verglaste Kapelle „Madonna in den Trümmern“, sechs Jahre später wurde die Sakramentskapelle angefügt. Besonders beachtenswert sind die Glasfenster von Jan Thorn Prikker und Georg Meistermann.

Gleich um die Ecke steht dieMinoritenkirche (27) des franziskanischen Ordens der Minderbrüder. Sie ließen sich 1229 in Köln nieder und begannen 1240 mit dem Bau einer - den Ordensregeln entsprechend - kargen Kirche, die jedoch erst in der Mitte des 14. Jahrhunderts vollendet wurde. 1855 wurde die zugehörige Klosteranlage abgerissen. Der wohlhabende Kaufmann Johann Heinrich Richartz stiftete an dieser Stelle den Bau eines Museums zur Aufbewahrung und Präsentation der Kunstsammlungen von Ferdinand Franz Wallraf. Das Wallraf-Richartz-Museum integrierte in seine Architektur das Langhaus der Minoritenkirche sowie den erhaltenen gebliebenen Kreuzgang des ehemaligen Klosters. Auch Rudolf Schwarz und Josef Bernard übernahmen diese Stilelemente in den Nachkriegsbau, der in den 50er Jahren entstand und heute das Museum für Angewandte Kunst (28) beherbergt, während die Sammlungen des Wallraf-Richartz-Museum heute in einem eigenen Neubau neben dem Gürzenich ausgestellt sind.


Rundwege nach Arens / Bongartz / Henseler, DuMont RTB Köln


Hohe Straße Galeria Kaufhof Schildergasse Antoniterkirche Volkshochschule Kunsthalle St. Cäcilien/Museum Schnütgen St. Peter Gesundheitsamt Schwerthof-Haus Olivandenhof Neumarkt-Galerie Neumarkt-Passage St. Aposteln Adenauer-Denkmal Haus Tosca DuMont-Brunnen St. Maria in der Kupfergasse EL-DE-Haus Gerichtsgebäude Vierscheibenhaus WDR-Arkaden Haus Nr. 4711 Opern- und Schauspielhaus Dischhaus St. Kolumba Minoritenkirche Museum fr Angewandte Kunst

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